PUPPENSPITAL

img_6348Einst, als Lissabon noch ein kleines Küstenstädtchen war, wo jeder jeden kannte, ging man an den Markttagen zu Dona Carlota, wenn Puppen etwas fehlte. Die alte Dame saß vor einem Stand mit Kräutern und verkaufte eigenhändig hergestellte Stoffpuppen. Zudem fragten Kinder aus der Umgebung bei ihr um Rat und Tat für kaputtgegangene Spielsachen – und bald schon wurde Dona Carlota als Lissabons erste Puppenärztin stadtbekannt. 1830 eröffnete die Puppenheilerin schließlich ihre eigene Klinik am Praça da Figueira, Nummer 7.

Familienmission

Daraus entwickelte sich ein Familienbetrieb, der mehrere Generationen lang weitergegeben wurde, bis keine eigenen Nachkommen mehr vorhanden waren. Also vermachte Dona Carlotas Familie das Spital an ihre Nachbarn und Freunde: die Großeltern von Manuela Cutileira. Seit 25 Jahren trägt die pensionierte Volksschullehrerin mittlerweile selbst die Verantwortung als Geschäftsführerin bzw. Krankenhausdirektorin. Das ist ihre Mission, keine Profession. „Eine Familienmission“, sagt Dona Cutileira, „meine Tochter Catarina wird das Spital irgendwann hoffentlich weiterführen. Wir machen das nicht als Arbeit, sondern für die Menschen.“

Sanft streicht sie mit der Hand über die Papierbeine ihrer Patientinnen. „Meine Kinder“, sagt sie und lächelt zufrieden. Dann notiert sie ein paar Zeilen auf ein Etikett und bindet dieses an die Puppenfüße. „Die Krankenakte“, sagt sie. Diese Beziehung ist eine sonderbare, wenngleich sehr liebevolle, denn die Zuneigung und Liebe, die Dona Cutileira diesen leblosen Körpern entgegenbringt, verrät bereits, dass es sich hierbei um kein normales Geschäft handelt.

Das Lissabonner Puppenspital ist eines jener alten Etablissements, die die Stadt zu jenem pittoresken Schmuckkästchen machen, für das es weltweit geschätzt wird. Traditionsläden boomen in Lissabon nicht, sie überlebten lediglich und wurden mit Hilfe von Mäzenen, Sozialunternehmern, Tourismusbehörden und zahlreichen Besuchern revitalisiert.

Mitunter verfolgen sie seit Jahrhunderten ein einziges Kunsthandwerk, bearbeiten und verkaufen ein spezielles Nischenprodukt. In Lissabon gibt es davon eine ganze Reihe: Feinbäckereien, Geschäfte die ausschließlich Konserven, Kaffee, Kerzen, Handschuhe, Sauerkirschlikör oder Messingbeschläge anbieten – und eben das Puppenspital.

Seit knapp zweihundert Jahren werden in diesem Gebäude die zerbrochenen Kindheitserinnerungen von Puppenliebhabern repariert, oder geheilt, wie man hier sagt. Ob die Sehnsucht nach alten Dingen etwas mit Portugals Saudade, der bekannten stadteigenen Melancholie, zu tun hat?

img_6312

Puppenärztinnen

„Es geht darum, die Seelen wieder zu beleben“, sagt Dona Cutileira. Sorgsam packt sie die Puppen zurück in die Schuhschachtel und steigt über eine knarrende Holztreppe von der „Notaufnahme“ im Erdgeschoß in das eigentliche Spital, einen Stock höher.

Dort, in einem geräumigen Atelier, sitzt Ermelinda Francisco an einem Arbeitstisch, voll mit kleinen Behältern, in denen sich Werkzeuge und Materialien tummeln: Garne, Stricke, Maschen, Knöpfe und Glitter. Die ehemalige Schneiderin ist eine von Dona Cutileiras sechs treuen Mitarbeiterinnen und zupft als Puppenärztin gerade an einer Patientin herum. Es sieht nach einer Armtransplantation aus. Kurz besprechen die beiden Damen den Fall der zwei neuen Schuhschachtelpuppen, ehe die Krankenhausdirektorin sich wieder zu Wort meldet. „Das ist weder Quantenphysik, noch ein Geheimnis“, sagt sie. „Jeder, der etwas im Kopf hat, kann das lernen und machen.“ „Sofern man noch einen Kopf hat“, denke ich. „Mit ein bisschen Vorstellungsvermögen und Geduld klappt das schon“, setzt Dona Cutileira fort.

Diese Dame als humorlos zu bezeichnen, wäre übertrieben und respektlos, aber zugegeben, sie ist nur schwer zu erheitern. Dafür ist sie routiniert und hoch professionell. Als sie meine Schwäche der portugiesischen Sprache erkennt, wechselt sie sofort in fließendes Französisch über und erzählt mir jene Geschichten, die sie schon hunderte Male zuvor erzählt hat. Journalisten aus aller Welt betraten in den vergangenen 25 Jahren ihren Laden, um ein Interview mit der „eisernen Puppenlady“ zu bekommen. Wie Trophäen hängen Zeitungsartikel in dutzenden Sprachen an den Wänden.

Stellagen als Betten

Mit einer Engelsgeduld führt sie mich durch das Labyrinth im ersten Stock, das früher einmal eine Schule war. Die eine Hälfte der ehemaligen Klassenzimmer dient heute als das eigentliche Spital. Hier werden abgerissene Wimpern wieder eingesetzt, eingedrückte Augen zurechtgerückt, zertrümmerte Köpfe ausgewechselt, Hände angenäht, gebrochene Gliedmaßen ausgetauscht, zerbrochene Gesichter geklebt.

Schnipseln, schneidern, stecken, malen, kleben, knüpfen. Es gibt kaum etwas, was die Puppenärztinnen nicht wieder hinbekommen. „Am schwierigsten zu reparieren sind die deutschen Celluloid-Puppen“, sagt Puppenärztin Ermelinda Francisco. „Da müssen wir die oft sehr teuren Ersatzteile bestellen, denn das Material ist nach einiger Zeit so fragil, dass man es nicht mehr reparieren kann.“

Mehrstöckige Holzstellagen, die zwar keine Betten sind, aber solche darstellen sollen, säumen die Gänge. Darin lagern Dona Cutileiras Patienten und Patientinnen: Puppen, Plüschtiere, Figuren aller Art, aus Keramik, Stoff, Plastik. Es sind hunderte, nein tausende. Hilfloses Spielzeug, das mit viel Liebe, Zuneigung und Einsatz wieder auf Vordermann gebracht wird. „Mehr als 4000“, sagt Dona Cutileira, bevor ich dazu komme zu fragen. Aber ich zweifle. Es müssen zehntausende sein. Der materielle Wert spielte für Dona Cutileira nie eine Rolle. „Gefühle kann man nicht mit Gold aufwiegen“, sagt sie. „Die wertvollste Puppe ist jene, die am meisten geliebt wurde. Wir wollen den tatsächlichen Wert und den Preis einer Puppe nicht wissen, denn wir sind kein Auktionshaus, sondern ein Spital, in dem wir uns um jede Puppe gleich kümmern, egal ob sie zehn oder zehntausend Euro wert ist.“

img_6378

Ersatzteillager

Aus Vitrinen und Kommoden, die noch aus den originalen Klassenzimmern stammen, starren mich tote Augen an. Bleiche Köpfe, Arme und Beine von Generationen an Puppen liegen ordentlich sortiert in gläsernen Schubladen. Es ist ein Ersatzteillager von Körperteilen. „Jede dieser Puppen ist mit einem anderen Problem zu uns gekommen, wir haben sie geheilt, und nun warten sie darauf, zu ihren Familien zurückzukehren. Aber manchmal liegt das in der Prioritätenliste der Menschen nicht ganz oben.“ Und so passiert es, dass manche Patienten bereits seit einem Jahrzehnt in der Obhut von Dona Cutileira sind. Und auch bleiben? „Irgendwann kommen sie schon, um ihre Puppen zu holen. Vor allem um die Weihnachtszeit, denn dann erinnern sich viele an ihre Kindheit. Aber wir haben keine Eile, die Kinder los zu werden. Platz gibt es genug.“

Dona Cutileira ist jener Typ Großmutter, die nicht nur im Lehnstuhl schaukelt und den Enkeln Märchen vorliest, während diese ihre selbstgebackenen Kekse verputzen, sondern auch die strenge Version, die traditionsgemäß die Rolle der Über-Mutter fortsetzt und die Enkelkinder zum Aufessen, Zähneputzen und Schlafengehen mahnt, bevor sie den Kleinen einen Gute-Nacht-Kuss gibt. All das mit einer Besonnenheit und Ruhe, die beinahe gespenstisch wirkt.

Das Puppenspital oder -museum besteht aus sechs ehemaligen Klassenzimmern oder – wie Dona Cutileira sie nennt – „großen Kinderzimmern, denn ein Museum hat immer diesen Beigeschmack von alten, besonderen Ausstellungsstücken. Hier hat alles seinen Platz, es gibt keinen Elitismus.“ Alle Puppen sind gleich, wenn sie auch unterschiedlich aussehen. Es gibt Puppen aus deutschem Celluloid, aus französischem Porzellan, aus portugiesischem Pappmaché und aus chinesischem Plastik. Barbies, Teddybären und andere Plüschtiere, Trolle, Actionfiguren, Schaufensterpuppen und auch sakrale Figuren sind darunter. Ein Sammelsurium aus Geschenken und Aufträgen. Einzelstücke, Sammlereditionen, Massenware. Und mittendrin ein ausgestopfter Fuchs.

img_6324

Es sieht nach Chaos aus, aber alles hat seine Logik und seinen Platz. „Wenn wir einen neuen Patienten bekommen, fangen wir sofort zu suchen an, wo der passende Arm oder das passende Bein liegen könnte“, erzählt Dona Cutileira. Und sie irren sich nie.

Eine besondere Nähe verspürt sie zu ihren Patienten dennoch nicht. „Ich habe meine eigenen Puppen, die ich sehr gerne habe. Puppen, die mir meine Großmutter geschenkt hat, Puppen die eine Geschichte haben, die mich persönlich involviert. Meine Patienten hier habe ich alle gleich gern“, sagt sie. Entsorgt wird keine. Aber es gibt ein Leichenschauhaus. Dort landen all jene, für die jede Hilfe zu spät kommt. Eine Besenkammer, vollgefüllt mit nackten „Puppenleichen“, deren Gliedmaßen oder Rümpfe als Organspende für neue Patienten herhalten müssen.

Es ist kein Ort, an dem man über Nacht eingesperrt sein möchte, wenn einen abertausende tote Puppenkörper umgeben. Das Puppenkrankenhaus ist unheimlich, aber es ist eben auch ein Ort der Ruhe und der Besonnenheit. Keine Maschinengeräusche, keine Menschenhorden und auch keine Fahrstuhlmusik, die aus Boxen trällert. Der Parkettboden knarrt bei jedem Schritt, der Zwirn raschelt beim Durchfädeln der Kostüme und die Gelenke klicken beim Zusammensetzen der Körper. Dazwischen hört man lediglich das Räuspern und Atmen von Dona Cutileiras fleißigen „Elfinnen“.

Ich halte inne und staune: Aufgereiht stehen ein paar Figuren der Bärenwald-Familie – und sofort schwelge auch ich in Erinnerungen an die 1980er Jahre. Dona Cutileira lächelt zufrieden. „Hier findet jeder irgendetwas aus seiner Kindheit. Niemand trennt sich gerne von den schönen Dingen im Leben.“

Ist das der Grund, warum sie das Puppenspital leitet? „Nein“, sagt sie ernüchtert – und dann passiert es doch: Sie lacht! „Die meisten Menschen sehnen sich nach ihrer Kindheit – und Puppen repräsentieren diese Zeit. Darum haben wir auch das Verlangen, diese in Ordnung zu bringen, und halten an der Tradition fest. Ich denke, Puppen tun sehr viel für unser Leben. Nicht wir beschützen sie, es sind die Puppen, die gut auf uns schauen. Sie haben das Privileg, uns zu beschützen.“

mz

Erschienen in Wiener Zeitung, 04.02.2017

Advertisements